Welche Kompetenzen braucht die grüne Transformation?
G.R.E.A.T. Fachkonferenz an der Universität zu Köln
Welche Kompetenzen braucht die grüne Transformation und wie können sie in der beruflichen Bildung vermittelt werden? Internationale Forschende und Fachleute diskutierten diese Fragen auf der fünften G.R.E.A.T. Fachkonferenz an der Universität zu Köln.
Green Skills – welche Kompetenzen braucht es?
Welche Kompetenzen brauchen Fachkräfte für eine nachhaltigere Arbeitswelt? Und wie können diese „Green Skills“ in der beruflichen Bildung vermittelt werden? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich internationale Forschende und Fachleute vom 21. bis 23. September 2026 auf der fünften internationalen Fachkonferenz des German Research Center for Comparative Vocational Education and Training (G.R.E.A.T.) an der Universität zu Köln.
Wie vielfältig die Anforderungen sein können, zeigt eine Untersuchung von Juan P. Gamboa und Mónica Moso-Díez mit ihrem Forschungsteam zum spanischen Berufsbildungssystem. Die Forschenden identifizierten 312 wesentliche Green Skills für 71 mit der beruflichen Bildung verknüpfte Berufe. Diese ordneten sie zehn Kompetenzbereichen zu. Dabei zeigt sich eine zweigeteilte Struktur: Einige dieser Fähigkeiten, beispielsweise im Abfallmanagement, sind für zahlreiche Berufsbildungsprogramme und Wertschöpfungsketten relevant. Andere sind stärker auf einzelne Sektoren zugeschnitten. Aus Sicht der Forschenden sollten Green Skills deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Berufsbildungsprogramme sollten vielmehr übergreifende „grüne Kernkompetenzen“ mit sektorspezifischen Spezialisierungen verbinden.
Auch das Beispiel des Bausektors in Köln verdeutlicht, dass nachhaltiges berufliches Handeln unterschiedliche Fähigkeiten voraussetzt. Farina Koller und Hanna Link untersuchten auf Grundlage von 53 Interviews, welche Green Skills Fachkräfte in der Baubranche benötigen. Häufig genannt wurden technisches Fachwissen, Planungskompetenzen und die praktische Umsetzung nachhaltiger Bauweisen. Gleichzeitig spielen Kommunikation und die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken eine wichtige Rolle. Hinzu kommen methodische Kompetenzen wie digitale Fähigkeiten für Planungsprozesse sowie persönliche Kompetenzen, etwa ein Bewusstsein für die Bedeutung von Nachhaltigkeit im beruflichen Kontext und die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen.
Damit wird deutlich: Die sogenannten „Green Skills“ beschränken sich nicht auf den Umgang mit „grünen“ Technologien. Nachhaltige berufliche Handlungsfähigkeit kann fachliche, soziale, methodische und persönliche Kompetenzen miteinander verbinden.
Von der Strategie in den Ausbildungsalltag
Eine zentrale Herausforderung liegt darin, Kompetenzen für mehr Nachhaltigkeit nicht nur zu definieren, sondern sie tatsächlich in Ausbildung und Unterricht zu verankern. Wie diese Kompetenzen in Lehrplänen verankert und in der Ausbildungspraxis umgesetzt werden, untersuchte Annabell Albertz von der Universität zu Köln am Beispiel indischer Industrial Training Institutes (ITIs). Dafür wurden fünf Lehrpläne aus vier verschiedenen Berufen sowie der Lehrplan des berufsübergreifenden Fachs „Employability Skills“ analysiert.
Ergänzend wurden 54 Lehrkräfte an 18 Instituten in Delhi und Bangalore befragt. Die Untersuchung zeigt, dass Green Skills in den betrachteten berufsspezifischen Lehrplänen bislang nur am Rande und wenig systematisch verankert sind. Viele der befragten Lehrkräfte gaben an, Green Skills seien in den Lehrplänen nicht vorgesehen und würden entsprechend auch nicht im Unterricht umgesetzt. Wo sie aufgegriffen werden, geschieht dies beispielsweise bei Themen wie Abfalltrennung oder dem Einsatz umweltfreundlicher Ressourcen. Die Ergebnisse weisen deshalb nicht nur auf Möglichkeiten einer stärkeren Verankerung technischer Green Skills in den Lehrplänen hin. Auch Lehrkräfte benötigen gezielte Unterstützung, um Green Skills erfolgreich in die Unterrichtspraxis zu integrieren.
Ähnliche Herausforderungen zeigen sich im Kölner Bausektor. Nach den Ergebnissen von Koller und Link sind Green Skills bislang nur begrenzt in Berufsbildung, Lehrplänen und Prüfungen integriert. Ihre Vermittlung hängt in der Praxis teilweise vom persönlichen Engagement einzelner Lehrkräfte ab. Als weitere Hindernisse nennen die befragten Fachleute unter anderem fehlende Unterrichtsmaterialien, einen Mangel an entsprechend qualifizierten Lehrkräften und veraltete Schulgebäude. Kooperationen und Netzwerke können dagegen eine unterstützende Funktion übernehmen. Besonders die Zusammenarbeit von Berufsschulen mit Innungen und Verbänden wurde von den Befragten hervorgehoben.
Welche Green Skills für welche Transformation?
Dass bereits die Frage nach den benötigten Kompetenzen nicht eindeutig zu beantworten ist, rückte Margarita Langthaler von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung in den Mittelpunkt ihres Beitrags. Sie untersuchte 69 Strategiedokumente von neun internationalen Organisationen und untersuchte, welches Verständnis von grüner Transformation hinter internationalen Green-Skills-Debatten steht.
Ihre Analyse zeigt, dass die untersuchten Diskurse überwiegend zwischen schrittweisen und reformorientierten Ansätzen liegen und weitgehend innerhalb des bestehenden wirtschaftlichen Wachstumsmodells bleiben. Grundlegend transformative Perspektiven finden sich dagegen kaum. Damit verbindet Langthaler die Diskussion über Green Skills mit einer weitergehenden Frage: Reicht es aus, bestehende Berufsbildungssysteme um zusätzliche „grüne“ Kompetenzen zu ergänzen, oder müssen auch deren grundlegende Ziele, Annahmen und Praktiken neu diskutiert werden?
Nachhaltigkeit entlang der Lieferkette: die VET Chain
Auch GOVET war mit einem eigenen Beitrag auf der G.R.E.A.T. Conference vertreten. Hannelore Kress, Julia Olesen und Ralf Hermann stellten die VET Chain vor. Dabei handelt es sich um ein von GOVET im BIBB entwickeltes interaktives Lernformat, das globale Liefer- und Wertschöpfungsketten mit Fragen der Nachhaltigkeit und beruflichen Bildung verbindet.
Auf der Konferenz kam eine verkürzte Version des normalerweise umfangreicheren Workshops zum Einsatz. Am Beispiel von Schokolade betrachteten die Teilnehmenden den Weg des Produkts von der Kakaoproduktion über verschiedene Stationen der Verarbeitung bis hin zum Verkauf. Ein Teil der Gruppe setzte sich mit den einzelnen Stationen der Lieferkette auseinander und diskutierte, welche Herausforderungen dort mit Blick auf Nachhaltigkeit und Klimawandel entstehen und an welchen Stellen beispielsweise Ressourcen oder Energie eingespart werden können. Eine weitere Gruppe richtete den Blick auf die Menschen und Berufe, die an den verschiedenen Stationen der Wertschöpfungskette beteiligt sind.
Zugleich stellte GOVET die Ergebnisse einer Befragung unter 40 ehemaligen Teilnehmenden der Workshops aus Deutschland vor. 94 % der Teilnehmenden bewerten den Beitrag des Workshops zum Verständnis globaler nachhaltiger Lieferketten als gut oder sehr gut und 78 % halten es für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich, das Gelernte im eigenen Umfeld anzuwenden. Dem stehen jedoch häufig Zeit- und Ressourcenknappheit gegenüber. Unter den teilnehmenden Auszubildenden sticht hervor, dass Nachhaltigkeit außerhalb des VET Chain Workshops bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Insgesamt zeigen die Rückmeldungen, dass sich die VET Chain als Sensibilisierungswerkzeug eignet, es für eine langfristige Verankerung von Nachhaltigkeit in Bildung und Beruf aber breit gestreute Ansätze braucht.
Nachhaltigkeit als Aufgabe für die Berufsbildung
Die Beiträge der G.R.E.A.T. Conference zeigen unterschiedliche Perspektiven auf Kompetenzen rund um das Thema Nachhaltigkeit und reichen von der systematischen Erfassung benötigter Kompetenzen über ihre Verankerung in Lehrplänen bis hin zur konkreten Vermittlung. Dabei zeigen die Beispiele der Konferenz sowohl übergreifende als auch berufs- und sektorspezifische Kompetenzanforderungen.
Eine weitere gemeinsame Herausforderung liegt in der Umsetzung. So weisen die Untersuchungen aus Indien und dem Kölner Bausektor darauf hin, dass Green Skills bislang nur begrenzt beziehungsweise unsystematisch in Lehrplänen und Ausbildungspraxis verankert sind. Die Beiträge machen zugleich deutlich, dass neben der Entwicklung geeigneter Lernformate auch die langfristige institutionelle Verankerung von Green Skills eine zentrale Aufgabe für die Berufsbildung bleibt.
Das G.R.E.A.T. an der Universität zu Köln
Das German Research Center for Comparative Vocational Education and Training (G.R.E.A.T.) wurde 2010 am Institut für Berufs-, Wirtschafts- und Sozialpädagogik (Lehrstuhl Prof. Pilz) der Universität Köln eingerichtet und widmet sich der komparativen Forschung, Entwicklungs- und Implementationsbegleitung sowie der Beratung in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist durch die Abteilungsleiterin Berufsbildung International Birgit Thomann im Beirat vertreten.