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Costa Rica und Deutschland im Austausch zu Berufsorientierung

Wie können Jugendliche über Möglichkeiten zur Berufswahl informiert werden? Wie können Bildungssysteme motivieren und Übergänge Schule-Ausbildung-Beruf erleichtern? Diese und weitere Fragen wurden von Vertreter*innen des Bildungsministeriums Costa Ricas und dem BIBB besprochen.

Costa Rica und Deutschland im Austausch zu Berufsorientierung

An zwei Terminen tauschten sich Vertreter*innen des costa-ricanischen Bildungsministeriums (Ministerio de la Educación Pública – MEP) mit Expert*innen des BIBB und von GOVET virtuell zum Thema Berufsorientierung aus. Der Austausch war auf Basis des bilateralen Workshops zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Berufsbildung im März 2021 zustande gekommen, bei dem die Auswirkungen auf die Berufsorientierung bereits Thema waren.

Zunächst stellten Dr. Verónica Fernández (BIBB), und Ileana Arce, Abteilungsleiterin für Berufsorientierung im MEP, die Entwicklung von Berufsorientierung in Deutschland und Costa Rica vor. In Costa Rica gab es bereits 1935 erste Orientierungsprogramme an Schulen. Seit 1957 ist eine systematische Berufs- und Ausbildungsorientierung Teil der Gesetzgebung und seit 1966 gibt es eine zentralamerikanische Vereinbarung zur Grundbildung, in der die Berufsorientierung ebenfalls Erwähnung findet. Die lange, historische Wichtigkeit der Berufsorientierung in Costa Rica manifestiert sich in der systemischen Verankerung von Berufsorientierungspersonal: Sie werden am Colegio de Profesionales en Orientación registriert, nachdem sie ein Studium im spezifischen Bereich der Orientierung abgeschlossen haben (z. B. Ciencias de la Educación con énfasis en Orientación Educativa), das an zwei öffentlichen und zwei privaten Universitäten im Land angeboten wird. Jedem Bildungsinstitut sind Berufsorientierungspersonen zugewiesen, deren exklusive Aufgabe die Planung, Durchführung und Dokumentation von Orientierungsaktivitäten mit den Schüler*innen ist. Diese systemische Verankerung war für die deutschen Teilnehmer*innen sehr interessant, denn sie unterscheidet sich deutlich vom Vorgehen in Deutschland: Berufsorientierungsaktivitäten werden hier vom Lehrpersonal durchgeführt und es gibt keine spezielle Ausbildung für Berufsorientierung.

Im zweiten Termin stellten die Expert*innen aus Costa Rica das Modellprojekt „STEAM“ vor (STEAM: Sciences, Technology, Engineering, Arts, Mathematics), welches zum Ziel hat, insbesondere Mädchen und junge Frauen bei der Berufswahl zu unterstützen, genderspezifische Hemmnisse und Rollenklischees abzubauen und dadurch zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft insgesamt beizutragen. Bis 2021 haben bereits knapp 66.000 Mädchen und Frauen von Aktivitäten im Rahmen von STEAM profitiert. Dazu zählen die Förderung von Sensibilisierungsmaßnahmen in den Bildungseinrichtungen, Bereitstellung von Informationsmaterialien und die Ausrichtung einer nationalen Veranstaltung „ChicaSTEAM“, bei der jährlich etwa 100 Mädchen und Frauen zusammentreffen und mit Frauen in Berührung kommen, die Berufe in „untypischen“ Bereichen ergriffen haben. STEAM verfolgt dabei einen ähnlichen Ansatz wie die Initiative Klischeefrei, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert wird und im BIBB angesiedelt ist.

Einen ganz praktischen Einblick in den Alltag von Berufsorientierungsmaßnahmen bot Jonathan Fonseca Salazar, Direktor am Liceo Rural Changuena, einer ländlichen Sekundarschule in Costa Rica mit etwa 130 Schüler*innen. Aus seiner Erfahrung sei die Einbindung von Eltern und Familien in die Berufsorientierung von großer Bedeutung. Sie seien häufig, und gerade bei Mädchen, sehr involviert in die Berufswahl ihrer Kinder, weshalb seine Schule viele Aktivitäten anbiete, an denen die Familien beteiligt sind. In einer ländlichen Bildungseinrichtung wie dem Liceo Rural Changuena stelle die Verfügbarkeit von Internet häufig eine Herausforderung dar, was die freie Informationssuche für Jugendliche erschwere. Das Lehrpersonal versuche, Materialien in das schuleigene Netzwerk herunterzuladen und somit trotzdem bereit zu stellen.

Im weiteren Verlauf stellte Dr. Verónica Fernández den Berufswahlpass vor, der von fast allen Bundesländern eingeführt wurde, um Schüler*innen eine Möglichkeit zur Dokumentation ihrer Berufsorientierungsaktivitäten zu geben. Der Berufswahlpass wird demnächst digitalisiert und künftig als App verfügbar sein. Die Entwicklung der App erfolgt in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe aus Vertreter*innen der Bundesländer und Forscher*innen. Außerdem knüpfte Dr. Fernández an ihre Präsentation aus dem COVID-19 Workshop an und stellte weitere Beispiele von digitalisierten Berufsorientierungsangeboten vor.

Guido Kirst, Arbeitsbereichsleiter Berufsorientierung und Bildungsketten im BIBB, stellte das vom BMBF geförderte Berufsorientierungsprogramm vor. Im Rahmen des nationalen Programms gibt es drei Schwerpunkte: Potentialanalyse, praktische Werkstatttage in überbetrieblichen Ausbildungszentren oder bei Bildungsträgern und abschließende Reflektion und Gespräche. Interessiert wurde unter den Teilnehmenden diskutiert, wie eine Evaluation von Berufsorientierungsaktivitäten gestaltet sein kann. Guido Kirst stellte eine Reihe von „Lessons Learned“ vor, z. B. die Prüfung eines Vorbereitungsgespräches mit den Jugendlichen vor der eigentlichen Orientierungsmaßnahme, damit diese mit konkreten Fragen in die Aktivität starten und diese voll für sich nutzen können. Übereinstimmend wurde festgestellt, dass die Berufsorientierungsmaßnahmen schwierig einzeln zu bewerten sind, da der Bereich Orientierung in beiden Ländern ein langfristig angelegter Prozess ist, bei dem oft das Zusammenspiel aus unterschiedlichen Aktivitäten den Ausschlag für eine Berufswahl gibt.

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